„Eigentlich war ich mir am Anfang nur sicher, dass ich nach dem Abi nicht sofort studieren wollte“, meint Justus Olbrich, der am BvSG von seinem Freiwilligendienst in Marokko erzählt. Noch in der Oberstufe lernte er den Freiwilligendienst EIRENE kennen, dessen Geschäftsstelle gleich auf der anderen Rheinseite in Neuwied liegt. Dort bewarb er sich und gleich nach dem Abitur ging es dann nach einem zweiwöchigen Vorbereitungskurs im Sommer schon los – nach Essaouira.

In der 85.000 Einwohner zählenden Stadt direkt an der Atlantikküste gibt es das Projekt Bayti (dt: mein Haus), das sich als führende marrokanische  Nichtregierungsorganisation (NGO) für Kinderrechte und besonders für Straßenkinder in Marokko einsetzt. „Der Ansatz ihrer Arbeit hat mir wirklich gefallen“, berichtet Justus. „Sie arbeiten gleich mit der ganzen Familie und können so nicht nur die Kinder im Projekt unterstützten, sondern beziehen auch das ganze Umfeld mit ein. Es ist nicht immer geholfen, wenn man nur ein Symptom bekämpft, sondern das Problem sollte ganzheitlich betrachtet werden – dazu gehören dann natürlich auch Aufklärung und Weiterbildung.“

Und an Aufgaben für Freiwillige ist auch kein Mangel – es gibt immer etwas zu tun. Sei es, dass man die Hausaufgaben betreut, Englischunterricht gibt, Spiele oder Ausflüge organisiert oder einfach nur vor Ort ist, um als Konstante präsent zu sein. „Das marokkanische Arabisch habe ich wirklich schnell gelernt“, erzählt der ehemalige Freiwillige. „Meine Französischkenntnisse aus der Schule waren auch hilfreich und in beiden Sprachen konnte ich mich am Ende des Jahres gut unterhalten. Das tägliche Beisammensein mit den Kindern und Jugendlichen hat das einfach mit sich gebracht.“

Anhand vieler ausdrucksstarker Bilder können die Zuhörenden sich mehr und mehr ein Bild von seinem Alltag und dem Leben in Marokko machen. „Ich habe in einer WG mit einer anderen Freiwilligen gewohnt und unsere Wohnung war nur 5 Minuten vom Strand entfernt. Eigentlich habe ich ein Jahr dort gelebt, wo andere Urlaub machen.“ Und seine Erinnerungen an die Gastfreundschaft der Menschen, die vielen Begegnungen und überstandenen Abenteuer, die auch seine arbeitsfreien Zeiten in Marokko prägten, erfüllen das Klassenzimmer. „Wenn ich jetzt zurückblicke, dann merke ich erst, was ich alles gelernt und gewonnen habe“, erläutert der junge Erwachsene. „Zum Beispiel weiß ich heute viel mehr zu schätzen, was es heißt in einer Demokratie, in einem Rechtsstaat zu leben. In Marokko habe ich – wenn auch nicht persönlich- doch immer wieder gesehen, was es bedeutet Repressalien, Zensur und Korruption ausgesetzt zu sein. Und auch mein Wunsch, mich weiterzubilden, zu studieren, kam während des Freiwilligendienstes auf – und das ist eine Motivation, die mich wirklich trägt. Ich kam an die Grenzen meiner Qualifikation und habe daraus Motivation geschöpft, zu studieren – einfach um effektiver und besser helfen zu können. “

Offen, ehrlich und informativ beantwortet Justus alle Fragen im Anschluss an seine Präsentation. Ja, Freunde habe er gewonnen und das Essen sei umwerfend gewesen. Seit seinem Freiwilligendienst besuche er das Projekt und die Menschen regelmäßig und halte Kontakt. „Viele von ihnen können ja nicht einfach nach Deutschland kommen und mich hier besuchen“, meint er nachdenklich.

„Es ist so eine Freude, Dich wiederzusehen- und zu erfahren, wie es Dir seit deinem Abi ergangen ist“, freut sich seine ehemalige Deutschlehrerin Frau Sarah Maziewski. „Danke, dass Du Dir dafür Zeit genommen hast.“ Und – hoffentlich bis bald.

Christiane Bals (Berufs- und Studienorientierung), Justus Olbrich